Donnerstag, 28. Juli 2016
weltweiser: Beratung - Messen - Völkerständigung - Schüleraustausch und andere Auslandsaufenthalte

Essays wie am Fließband

Ein Semester in England

 

von Nina Schmidt, erschienen in: (Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 1 / 2011, S. 57-58

 

Auslandssemester England

 

"Na, dann pack dir mal die Gummistiefel ein!" – Das war wohl der meistgehörte Ratschlag, den ich in den letzten Tagen vor meiner Abreise von Freunden, Verwandten und Bekannten bekam. Der Konter, im Münsterland regne es wohl kaum weniger, half nicht viel. Vorurteile sitzen tief. Ich selbst hatte keine konkreten Vorstellungen oder Erwartungen an meine bevorstehende Zeit in England. Ich war einfach gespannt auf das Wintersemester an der University of Sheffield, wo ich dank des Erasmusaustauschprogramms ein halbes Jahr studieren, leben und Spaß haben würde. Nicht einmal wirklich nervös und auch nicht allzu traurig steige ich am für mich dick im Kalender markierten Sonntag Mitte September in Paderborn in das Flugzeug nach Manchester. So weit, so gut. Bis dahin ist mir noch alles vertraut. Im Flugzeug geht es dann los: "Was mache ich eigentlich, wenn ich in Manchester ankomme? Ist dann direkt ein Zug da, oder muss ich ewig warten? Und in Sheffield? Wie finde ich da das Wohnheim? Was mache ich eigentlich am Tag nach meiner Ankunft?" Um solche und andere Banalitäten drehen sich plötzlich meine Gedanken. Mit jeder geflogenen Meile spüre ich, wie ich mich weiter und weiter von all denen entferne, die ich lieb habe. Mir wird langsam, aber sicher bewusst, dass ein halbes Jahr wirklich ein halbes Jahr lang ist. "Wie schnell werde ich Leute kennenlernen? Können die überhaupt ansatzweise die tollen Menschen, die mich teils schon seit Jahren durch mein Leben begleiten, ersetzen? Will ich überhaupt Ersatz?"

 

Später am Abend sitze ich geplättet auf meinem quietschenden Bett in einem etwas angegammelten Wohnheimzimmer. Flug, Zugsowie Taxifahrt und eine wirre Ankunft in der Rezeption habe ich da schon hinter mir. Zwei Studenten haben mir netterweise mein Gepäck hoch getragen und mir ein Programm der "orientation week" in die Hand gedrückt. Dieses grüne, erstaunlich dicke Heft schlage ich nun auf: "Monday" – drei ganze Seiten für nur einen Tag! Plötzlich fühle ich mich wie ein Grundschüler auf Klassenfahrt. Allein, unsicher und bevormundet. Von den Mahlzeiten über Aktivitäten an der Uni und in der Stadt bis hin zu Ausflügen ist alles durchgeplant und vorgeschrieben. Nun gut, dann erst einmal Wecker stellen, wenn man schon um 7:30 Uhr wieder zum Frühstück gebeten wird. Nach einer unruhigen Nacht laufe ich morgens in die Essenshalle. Ich trage – so ist es für die Dauer der Orientierungswoche vorgeschrieben – ein Schild um den Hals, auf dem neben meinem Namen mein Studiengang Anglistik und Germanistik sowie mein Herkunftsland verzeichnet sind. In der Halle heißt es zunächst Schlange stehen. Ich schaue mich in Ruhe um und merke, dass alle 300 internationalen Studierenden, die sich hier versammeln, sich im Grunde doch sehr ähnlich sind. Egal, ob Inder, Amis oder Franzosen, alle schauen ein wenig unsicher drein, lächeln vorsichtig und warten höflich. Die Hundemarken um den Hals helfen ungemein; noch bevor ich mich für das traditionelle englische Frühstück entscheide, benutze ich die drei in den darauffolgenden Tagen meistgebrauchten Sätze zum ersten Mal: "How are you?", "Where are you from?" und "What do you study?".

 

"Und, macht es noch Spaß in Sheffield?" So fangen viele der E-Mails an, die ich im Laufe des Oktobers aus Deutschland bekomme. Seit einem guten Monat bin ich nun hier und es ist unglaublich viel passiert in dieser ersten Zeit. Auf die "orientation week" folgte die "intro week", die erste Woche an der Uni, in der man sich den Stundenplan zusammenstellt und seine "UCard" bekommt. Das ist nicht einfach nur ein Studentenausweis, nein, das ist eine schicke Chipkarte mit Passfoto, die man für alles braucht: um ins Gebäude zu kommen, um zu kopieren und zu drucken. Die Freizeit kommt hier nicht zu kurz: An jedem Wochenende gibt es 100 Partys in der Studentenstadt Sheffield. Nicht nur Sheffield habe ich erkundet, sondern auch einige Ausflüge unternommen. So war ich schon in Chatsworth, York, Cambridge sowie in der puren Natur im Peak District. Doch jetzt lasse ich es etwas ruhiger angehen. Denn was mir nun wichtig ist, ist hier in Sheffield mein Leben auf die Reihe zu kriegen. Inzwischen bin ich umgezogen, raus aus dem Wohnheim, rein in ein privates Haus, in dem ich bis Februar bleiben werde. Einen richtigen Alltag habe ich hier noch nicht, aber gewisse Gewohnheiten stellen sich ein. Vieles habe ich meinen Mitbewohnern in der neuen Bleibe zu verdanken; die sind Gold wert. Wenn ich mal niedergeschlagen von der Uni wiederkomme, weil ich keine Ahnung habe, wie man in England einen Essay schreibt oder weil sonst irgendetwas nicht geklappt hat, ist immer jemand da, dem ich es erzählen kann oder der mich mit dummen Witzen schnell wieder aufmuntert. Es ist Dezember – vielleicht die schönste und traditionellste Zeit im Jahr. Plätzchen backen, Geschenke besorgen, Weihnachtspost schreiben, sich bei Verwandten melden. Doch ich bin ja nun in Sheffield und

 

hier ist alles ein bisschen anders. Für Plätzchen gibt es nicht einmal ein richtiges englisches Wort; ich habe tagelang gegrübelt. Begriffe wie "biscuit" oder "cookie" reichen eben nicht, um zu beschreiben, was ein Weihnachtsplätzchen ist. Die gibt es hier übrigens auch gar nicht. Na gut, damit kann ich leben, kann ich doch zum Ausgleich jede Menge wunderbarer "flapjacks", "shortbreads", "scones", "crumbles" und andere kleine englische Zuckerbomben zum Tee verdrücken. Macht man in diesen Tagen einen Ausflug ins Stadtzentrum von Sheffield, funkelt und leuchtet es einem schon von Weitem entgegen. Weihnachtsbeleuchtung in England scheint nur dann genug Aufmerksamkeit zu erregen, wenn sie mindestens blau, rot, grün und gelb gleichzeitig ist und am besten noch blinkt. Die Stadt ist also geschmückt und vorbereitet auf die besinnliche Zeit des Jahres. Man präsentiert sich sogar vermeintlich weltoffen: Auf dem Rückweg von der Buchhandlung, in der ich mir nur schnell die nächsten Romane für meine Seminare besorgt habe, komme ich plötzlich an einem "German Christmas Market" vorbei. Meine Neugier ist geweckt und ich lasse es mir nicht nehmen, drüberzuschlendern. Ein netter Versuch, denke ich schmunzelnd: Was macht der Paella-Stand neben dem "Gluhwein"? Meine Weihnachtszeit in Sheffield ist nicht nur deutsch und englisch, sondern europäisch geprägt. Die Finninnen schwärmen so lange von einer skandinavischen "Pre-Christmas-Party", bis wir endlich alle zustimmen und eine organisieren. Weihnachtsmützen, schicke Klamotten, Snacks und "Glögg" dürfen nicht fehlen. 40 Gäste und eine Nacht später ist unsere Küche nicht mehr wiederzuerkennen. Doch wenigstens riecht es endlich nach Weihnachten.


Im Januar sind alle Computer rund um die Uhr belegt. Der Union-Square, zentralster Platz der Universität, auf dem sich sonst Hunderte von Studenten tummeln, ist leerer als sonst. Überall ist es ruhiger und es gibt weniger Partys. Die "exam period" steht an und prägt meinen vorletzten Monat in Sheffield sehr. Prüfungsphase bedeutet für mich: morgens früh aufstehen, zum Recherchieren in die Bibliothek gehen, lesen und sobald wie möglich mit dem Tippen beginnen. Essays schreiben wie am Fließband ist angesagt. Ich lasse so einige Partys und Pubabende aus, denn Abgabefrist ist eben Abgabefrist, die nimmt man sogar an englischen Unis ernst. Ganz so korrekt wie an einer deutschen Hochschule geht es in England dann doch nicht zu. An meiner Heimatuniversität Münster würde sich garantiert niemand mehr erbarmen, in eine zu spät abgegebene Hausarbeit hineinzuschauen. In Sheffield gibt es hingegen für jeden Tag, den man zu spät dran ist, fünf Punkte Abzug von der Endnote – eine pragmatische Lösung, die auch an anderen englischen Universitäten so oder so ähnlich üblich ist. Mit Erstaunen beobachte ich, wie meine englischen Kommilitonen ganz entspannt erst drei Tage vor Abgabe mit dem Schreiben beginnen und buchstäblich um fünf vor zwölf am entscheidenden Vormittag Richtung Anglistik schlendern. Um eine Abgabe in letzter Minute zu riskieren, bin ich aber wohl doch einfach zu deutsch und so reiche ich meine Essays vor Ablauf der jeweiligen Frist ein.

 

Der Februar ist da. Das heißt letzte Ausflüge unternehmen, Fotos von allem und jedem machen, sich überlegen, wie man den Koffer am schlauesten und platzsparendsten packt. Zurücklassen will ich von meinen über das Semester angesammelten Sachen natürlich nichts. Viele der anderen Erasmusstudenten müssen schon einen Tag nach ihrer letzten Klausur Sheffield verlassen und zurück nach Spanien, Portugal, Frankreich, Italien, Dänemark, Finnland und Deutschland fliegen. Erstaunlich, wie schnell wir alle gelernt haben, uns in dieser zunächst fremden Stadt, in diesem "verrückten" Land und an der University of Sheffield zurechtzufinden. Ich bin froh, dass ich damals bei der Buchung des Rückflugs intuitiv zwei Wochen "Abschiedsurlaub" in meinem Sheffield drangehängt habe. Den genieße ich richtig.

 

Noch einmal besuche ich meine Lieblingskneipe, in der donnerstags immer Livebands spielen, noch einmal gehe ich in das meiner Meinung nach beste Kino der Stadt, ich schaue mir Sheffield United gegen Manchester City im Stadion an und gehe ein letztes Mal in ein Theaterstück des "Drama Studios" der Uni. Abschied zu nehmen fällt mir schwer. Es ist jedoch toll, darüber nachzudenken, was ich alles "mitnehmen" werde, wie beispielsweise internationale Freundschaften. In der Stadt, in der ich noch Anfang September keine einzige Person kannte, habe ich viele neue Freunde gewonnen. Ich habe Einladungen nach Südafrika, Mallorca, Dänemark und natürlich zurück nach Sheffield erhalten; teilweise mit dem drohenden Beisatz "Und wehe, du kommst nicht!". Jeder einzelne der fast 300 internationalen Studenten in Sheffield ist wohl dem Netzwerk Facebook beigetreten. So können wir uns selbst über hunderte Kilometer Entfernung noch verbunden fühlen. Ach, und Gummistiefel habe ich in Sheffield gegen Ende übrigens doch noch gekauft. Ich habe das Gefühl, dass die mir hier im regnerischen Münsterland noch gute Dienste leisten werden. Und was passiert mir am zweiten Tag nach meiner Rückkehr? Ich werde fast vom Auto überfahren – aus Versehen in die falsche Richtung geguckt. Nina Schmidt, 24, macht an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster ihren Master in Anglistik und Germanistik. Anschließend möchte sie wieder ins Ausland gehen, um beispielsweise an einer ausländischen Hochschule Deutsch zu unterrichten. Beruflich wäre sie später gern im Bereich Journalismus tätig.

 

 

 

 

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