Sonntag, 25. September 2016
weltweiser: Beratung - Messen - Völkerständigung - Schüleraustausch und andere Auslandsaufenthalte

 

Spanien: Schüleraustausch - Spanisch - Gastfamilie

 

Text von Sarah Christmann, erschienen in:

(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 6 / 2016, S. 22-24

 

„Besitos“ auf dem Schulhof

Spanisch lernen in Andalusien

 

Spanisch lernen

 

„Hola, me llamo Sarah y soy de Alemania.” – viel mehr als meinen Namen und meine Herkunft konnte ich bei meiner Ankunft in Spanien nicht sagen. Für mich stand schon lange fest, dass ich einmal für ein Jahr in einem anderen Land zur Schule gehen, bei einer Gastfamilie wohnen, meine Sprachkenntnisse verbessern und eine neue Kultur kennenlernen möchte. Anfangs dachte ich an englischsprachige Länder wie Kanada, Irland oder Neuseeland. Aber irgendwann lockte mich die Idee, dieses Jahr zu nutzen, um eine völlig neue Sprache zu lernen, ohne dafür stundenlang Vokabeln pauken oder Tests in der Schule schreiben zu müssen. Mein Entschluss war gefasst: Ich wollte Spanisch lernen. Jetzt musste ich mich nur noch für ein Land entscheiden, und schließlich fiel meine Wahl auf Spanien. Da ich noch nie Spanischunterricht gehabt hatte, bot ein Freund meiner Eltern an, der Spanischlehrer ist, mir die allerwichtigsten Grundlagen beizubringen. Mit dem  Vorbereitungstreffen und der Zuteilung der Gastfamilie stieg meine Vorfreude, und langsam auch die Aufregung. Es gab ein großes, wunderschönes Abschiedsfest, und dann hieß es Koffer packen.


„Es dauerte etwa drei Monate, bis ich alles verstand.“


Mit vielen Erinnerungen und Andenken an Deutschland und Geschenken für meine zukünftige Gastfamilie im Gepäck war ich schließlich startklar. Am Flughafen traf ich auf ein paar andere Austauschschüler, die auch auf dem Weg nach Spanien waren. Es war ein komisches Gefühl, mich von meinen Freunden und meiner Familie zu verabschieden. Doch sehr traurig war ich nicht, zum einen, weil ich es noch gar nicht richtig realisieren konnte, und zum anderen, da ich ja etwas Neues und Aufregendes vor mir hatte. Das Programm fing mit einem dreitägigen Vorbereitungstreffen in Barcelona an, bei dem ich Austauschschüler aus der ganzen Welt traf. Dann ging es mit dem Zug in Richtung San Fernando, eine Stadt mit circa 100.000 Einwohnern im Süden von Andalusien in der Provinz Cádiz. Auf der Zugfahrt lernte ich eine andere deutsche Austauschschülerin kennen, die auch Sarah heißt, und schnell stellten wir fest, dass uns sehr viel verbindet. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, und besuchten uns sogar nach dem Auslandsjahr noch einmal in Deutschland. San Fernando liegt direkt am Meer und hat, genau wie Cádiz, einen wunderschönen Strand. Den besuchte ich auch direkt am ersten Tag mit meiner Betreuerin, die vor Ort meine Ansprechpartnerin sein würde, falls ich Probleme oder Fragen hatte. Am nächsten Tag ging ich zum ersten Mal in die Schule. Dort wurde ich herzlich von meinen Klassenkameraden begrüßt, die sehr offen mir gegenüber waren, und die mich jedem vorstellten, der uns über den Weg lief. Mit den Spaniern in Kontakt zu kommen war nicht sehr schwer, weil sie sich jedes Mal mit Küsschen auf die Wange, den „besitos“, begrüßten, und sofort ein Gespräch begannen. Da die Kommunikation etwas schwieriger war, weil ich ja kein Spanisch und sie kein Deutsch und nur wenig Englisch sprachen, verständigten wir uns irgendwie mit Händen und Füßen, was oft in großem Gelächter endete. Es dauerte etwa drei Monate, bis ich alles verstand, und fließend sprechen konnte ich nach ungefähr fünf Monaten.

 

Schüleraustausch Spanien Schüleraustausch Spanisch


Im spanischen Schulsystem gibt es keine Unterteilung in Gymnasium, Real- und Hauptschule wie im deutschen und das Schuljahr ist in Trimester statt Halbjahre unterteilt. Ich besuchte die zehnte Klasse und hatte im Grunde die gleichen Fächer wie in Deutschland. Obwohl ich zu Beginn natürlich Schwierigkeiten hatte, dem Unterricht zu folgen, fiel mir die Schule relativ leicht, da wir einen Großteil des Stoffes schon ein bis zwei Jahre zuvor in Deutschland durchgenommen hatten. Mein Schulweg war nicht sehr weit, sodass ich zu Fuß gehen konnte. Der Unterricht fing jeden Morgen um 08:10 Uhr an und endete um 14:40 Uhr. Nach den ersten drei Schulstunden hatten wir eine halbstündige Pause, in der wir uns meist in die Sonne setzten und unsere Pausenbrote, die „bocadillos“, aßen. Hausaufgaben gab es im Vergleich zu Deutschland nur wenige, aber wenn Klausuren bevorstanden, konnte es schon mal stressig werden. Was mich positiv überraschte, waren die vielen Exkursionen, die wir in fast allen Fächern unternahmen, und die oft sehr interessant waren. Bereits am Ende der ersten Woche lud mich ein Mädchen aus meiner Klasse zum Mittagessen zu sich nach Hause ein. Dort lernte ich ihre ganze Familie kennen, und wir verstanden uns auf Anhieb. Es blieb nicht bei diesem einen Essen, sondern wir unternahmen viel zusammen, fuhren mit ihrem Boot zum Angeln und hatten viel Spaß.


„Ich hatte nun zwei ältere Gastschwestern, mit denen ich viel Zeit verbrachte.“


In meiner Gastfamilie fühlte ich mich allerdings nicht so wohl. Ich hatte das Gefühl, dass wir nicht richtig zueinander passten, weshalb ich in den ersten Wochen recht starkes Heimweh hatte und ziemlich betrübt war. Ich redete mit meiner spanischen Betreuerin darüber – so gut es eben ging mit meinen Spanischkenntnissen – und zwei Wochen später durfte ich die Familie wechseln. In den ersten Monaten mit meiner zweiten Gastfamilie ging es mir richtig gut. Ich hatte nun zwei ältere Gastschwestern, mit denen ich viel Zeit verbrachte. Wir unternahmen auch viel mit der ganzen Familie, zum Beispiel gingen wir oft angeln, trafen uns mit Freunden oder besichtigten Städte und Dörfer in der Umgebung. Nach ein paar Monaten wurde die Stimmung innerhalb der Familie jedoch immer schlechter. Es gab viele Streits und familiäre Probleme, an denen ich zwar nicht direkt beteiligt war, die mich jedoch sehr mitnahmen. Nach sieben Monaten bei der zweiten Gastfamilie kamen dann gesundheitliche Probleme hinzu, und ich musste die Familie unerwartet und sehr plötzlich verlassen. Das war eine schwere Zeit für mich. Obwohl ich nur noch einen Monat in Spanien blieb, kam ich noch einmal in eine neue Gastfamilie. Doch dieser Wechsel veränderte meinen Auslandsaufenthalt vollkommen. Man könnte sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Wir verstanden uns auf Anhieb super und verbrachten jede freie Minute miteinander. Letztendlich hatte ich mit meinen Gasteltern Choni und Jesús, meiner Gastschwester Noelia und der gesamten Verwandtschaft meine spanische Familie gefunden, und es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass ich auch für sie ganz selbstverständlich dazugehörte.


Abgesehen von den Problemen mit den ersten beiden Gastfamilien kann ich auf viele tolle Erlebnisse während meines Aufenthalts zurückblicken. Zusätzlich zu Barcelona und Cádiz besuchte ich noch einige weitere spanische Städte. Im Frühling nahm ich an einer von meiner Organisation geplanten Reise nach Madrid teil. Zusammen mit vielen anderen Austauschschülern verbrachte ich vier wunderschöne Tage in der Hauptstadt Spaniens, die mich mit ihren vielen kleinen Straßen, Altbauten, schönen Läden und netten Cafés positiv überraschte. Natürlich durfte auch eine Führung durch den königlichen Palast nicht fehlen, und wir besichtigten das Museo del Prado und viele weitere Sehenswürdigkeiten. Während einer weiteren Reise mit meiner Austauschorganisation verbrachte ich fünf Tage in Sevilla, der Hauptstadt Andalusiens. Die Stadt kannte ich schon von einem Tagesausflug mit meiner Gastfamilie im Winter, doch dieses Mal war ich dort, um die Prüfung für das DELE-Sprachzertifikat abzulegen. Außerdem traf ich einige der Austauschschüler wieder, die ich auf der Reise nach Madrid kennengelernt hatte. Die restlichen Tage erkundeten wir zusammen die Stadt und besichtigten die Kathedrale sowie den Königspalast Alcázar von Sevilla.
„Wir tanzten oft bis tief in die Nacht und kamen erst frühmorgens nach Hause.“


Am Ende des Schuljahres fuhr ich mit meinem Jahrgang, der nur aus etwa 40 Schülern bestand, auf Klassenfahrt nach Córdoba, wo wir uns die Mezquita, eine von den Mauren erbaute Moschee,  anschauten. Im Sommer fanden die „Ferias“ statt, die großen spanischen Volksfeste mit Jahrmärkten. Es gab zahlreiche Festzelte, in denen die Spanier in Trachten gekleidet „Sevillanas“, eine fröhliche Art des Flamencos, tanzten. Ich hatte das ganze Jahr über in einer „Sevillanas“-Gruppe getanzt und mir mit meiner Gastmutter zusammen ein Flamenco-Kleid gekauft. Daher war die Vorfreude auf die „Ferias“ groß gewesen, und ich hatte viel Spaß. Wir tanzten oft bis tief in die Nacht und kamen erst frühmorgens nach Hause. Wenn es dann noch „Churros“ gab, ein typisch spanisches frittiertes Spritzgebäck, war der Tag perfekt. Im Allgemeinen war ich begeistert vom spanischen Essen. Egal, ob „Tortilla de Patatas“, übersetzt Kartoffelomelett, „Gazpacho“, eine kalte Gemüsesuppe, oder „Empanadas“, gefüllte Teigtaschen, ich ließ mir von allen Gerichten die Rezepte geben und kochte auch nach meiner Rückkehr noch vieles davon. Besonders gut schmeckten mir der frische Fisch und die Meeresfrüchte, die es so oft gab. Die Essenszeiten in Andalusien sind ein bisschen anders als in Deutschland, vor allem das Abendessen findet deutlich später statt. Wir aßen frühestens um 22:30 Uhr und gingen daher sehr spät ins Bett. Der fehlende Schlaf in der Nacht wurde dann durch die „Siesta“, den Mittagsschlaf, nachgeholt. Neben dem „Sevillanas“-Tanzkurs, zu dem ich zweimal die Woche ging, lernte ich auch noch Surfen. Damit erfüllte ich mir einen weiteren Wunsch, denn ich hatte schon lange davon geträumt, einmal auf einem Surfbrett zu stehen, was sich aber als gar nicht so leicht erwies.


Ich habe das Gefühl, ich könnte ein ganzes Buch über diese zehn Monate in Spanien schreiben. Wenn mich heute jemand fragt, wie mein Auslandsjahr war, weiß ich oft nicht genau, was ich sagen soll, da ich diese Frage nicht in einem Satz beantworten kann. Dafür habe ich während dieser Zeit einfach zu viel erlebt, sowohl Gutes als auch Schlechtes. Man sollte als Austauschschüler nicht unterschätzen, dass es nach der Rückkehr einige Zeit dauert, vielleicht sogar mehrere Monate, bis man sich wieder zu Hause eingelebt hat. Abschließend kann ich sagen, dass ich sehr froh bin, ein Schuljahr in Spanien verbracht zu haben, obwohl es nicht immer einfach war. Ich kann jedem empfehlen, diesen Schritt zu wagen und eine Zeitlang in einer fremden Kultur zu leben. Ich spreche nun eine neue Sprache, habe eine andere Kultur kennengelernt und bin offener gegenüber ungewohnten Lebensstilen geworden. Außerdem weiß ich das, was ich hier in Deutschland habe, mehr zu schätzen, auch weil die wirtschaftliche Situation in Spanien zurzeit sehr schlecht ist. Ich habe eine zweite Familie und neue Freunde gefunden, die ich seit meiner Rückkehr bereits zweimal besucht habe. Jedes Mal fühlt es sich an wie nach Hause zu kommen, bei meiner spanischen Familie, in meinem spanischen Zuhause.

 

Sarah Christmann, 18, besucht derzeit das Gymnasium. Sie kann sich gut vorstellen, nach dem Abitur noch einmal ins Ausland zu gehen oder eine Zeitlang in einem anderen Land zu studieren.

 

 

 

 

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