Völkerverständigung, Bildung und persönliche Chance
Thomas Terbeck: Völkerverständigung, Bildung und persönliche Chance, in: Generation ERASMUS. Auf dem Weg nach Europa. Erasmus-Studierende über ihre Erfahrungen an Hochschulen in Europa. Ein Lesebuch, hrsg. von: Deutscher Akademischer Austausch Dienst, Bonn (DAAD) 2007, S. 226-239
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Tours, im geschichtsträchtigen Tal der Loire, an einem sonnigen Freitag im September 2006: Adrian, der argentinische Besitzer unseres ehemaligen Wohnzimmers „Au temps du Roi“, der Bar auf dem malerischen Place Plumereau im Herzen des mittelalterlichen Stadtkerns, traut seinen Augen nicht. Aber wir sind es wirklich! Nach und nach füllt sich unser Tisch, und wir alle werden mit einem großen „Salut!“ und diversen Freigetränken begrüßt: der Historiker und Stipendienspezialist José Luis aus Zaragossa, der Psychologe und Weltenbummler Albert aus Barcelona, der in den letzten Jahren nicht nur Indien als Backpacker ausgiebig bereiste, sondern den es „off the beaten track“ auch nach Syrien, Iran, Afghanistan und zuletzt Georgien zog; der Quebecois Hilal, Rechtsanwalt mit libanesischen Wurzeln, mein Namensvetter Thomas aus dem schönen Ruhrgebiet, seines Zeichens Lehrer aus Passion, Frankreichkenner und vor allem (nicht nur) mein Mann für alle Fälle bei Wortfindungsschwierigkeiten; die Biologin Mayte aus Malaga, mein Konterpart hinsichtlich der von mir so geliebten Konzertbesuche, die trotz (bzw. vielleicht auch gerade wegen) einer vor fünf Jahren erlittenen, halbseitigen Teillähmung glücklicherweise so viel spricht wie nie zuvor, und ich. Etwas verspätet trudeln noch der in der Nähe von Tours auf dem Schloss seiner Eltern aufgewachsene, spanische Franzose Santi sowie Jésus aus Valencia ein, der zu unserem Erstaunen trotz seines ihn charakterisierenden, überdurchschnittlich ausgeprägten Schlafbedürfnisses mittlerweile durch die halbe Welt jettet, um Medizintechnik zu verkaufen. Auch Yannick, Leiter einer der örtlichen Sprachschulen, schaut kurz vorbei.
Obwohl wir uns zum Teil seit mehreren Jahren nicht gesehen haben, verschwenden wir nur sehr wenig Zeit auf das – für die Kohorte Ü30 anscheinend international übliche – Frage-und-Antwort-Spiel zu den Themen „beruflicher Erfolg“, „Kinder“ und „Immobilien“. Stattdessen widmen wir uns schnell dem Wesentlichen: dem einzigartigen Moment, dem guten Essen und den Getränken, unserer gemeinsamen Vergangenheit in Tours, aber vor allem unserer aller Lieblingsbeschäftigung, dem sinnfreien Palaver. Wir müssen uns nicht erklären, wir kennen uns einfach, haben uns intensiv kennen gelernt in Seminaren, bei Adrian, auf Partys, aber nicht zuletzt in der Résidence de Grandmont, einem auf den ersten bis dritten Blick eher gewöhnungsbedürftigen Studentenwohnheim, fünf Kilometer nördlich des Stadtzentrums gelegen.
Nach einer langen Nacht beginnen wir den zweiten Tag unseres zehnjährigen Erasmus-Geburtstagstreffens am frühen Nachmittag mit einem Nostalgie-Tripp in den Parc de Grandmont. Ist schon komisch, wieder das Gebäude zu betreten, welches man neun Monate lang sein Zuhause genannt hat. Insbesondere, weil sich anscheinend nichts verändert hat: wie zuvor teilen sich auf jeder der vier Etagen der insgesamt acht Gebäude jeweils 36 Studierende einen Kühlschrank, zwei Kochplatten, vier Duschen und vier Toiletten, wobei für die fehlenden Toilettenbrillen und die Reinigung an Wochenenden offensichtlich noch immer das Geld fehlt. Obwohl das Semester noch nicht begonnen hat, brennt Licht in D 206, meinem (ehemaligen) Domizil. Der derzeitige, maximal 18jährige Bewohner weiß nicht so genau, ob er mir Einlass gewähren soll, entschließt sich dann aber doch dazu, dem alten Mann einen Blick zu gewähren: Es ist der totale Wahnsinn! Selbst die 30 Millimeter dicke Spanplatte, die ich mir aus gesundheitlichen Gründen für wenige Francs anfertigen ließ, um dem Hängemattenkomfort des völlig durchgelegenen Maschendraht-Lattenrosts und der damit verbundenen Umarmung durch die Matratze aus den späten 70er Jahren zu entgehen, ist noch existent. Keine Zeitmaschine dieser oder einer anderen Welt könnte bessere Arbeit leisten. Anhand der Heftzweckenlöcher in den Wänden wäre es sogar ein Leichtes, meine Fotos und Poster wieder originalgetreu zu arrangieren. Nur meine Gefühlswelt ist grundverschieden: Während der Anblick von D 206 und die damit verbundenen Erinnerungen in mir nunmehr ein wohliges Kribbeln, ja Begeisterung hervorrufen, lief mir beim ersten Betreten dieses Zimmers ein kalter Schauer über den Rücken.
Tours, 200 Kilometer westlich von Paris, an einem regnerischen Montagnachmittag, Mitte September 1996: nach zehnstündiger Reise und viel zu langen Diskussionen mit diversen, tendenziell unfreundlichen, vor allem aber sehr schnell sprechenden Mitarbeiterinnen des örtlichen Studentenwerks, die zu meinem Erschrecken nicht nur über keinerlei Fremdsprachenkenntnisse verfügen, sondern mich überdies erst in drei Wochen erwarteten und daher mehrere Stunden mit dem Gedanken spielen, mir nun keinen Wohnheimplatz zuzuweisen, scheine ich endlich am Ziel angekommen: Résidence de Grandmont, Bâtiment D, Chambre 206. Als auch die intensive Gesichtskontrolle und „Einweisung“ durch eine grimmige Concierge überstanden ist, lasse ich mich völlig erschöpft auf mein „neues“, viel zu kurzes Bett fallen. „Das soll es nun sein?“, frage ich mich. „Leben wie Gott in Frankreich?“
Savoir vivre habe ich mir anders vorgestellt. Ganz anders! Mein erster Gedanke: „Aus diesem maximal acht Quadratmeter kleinen Loch musst du so schnell wie möglich wieder heraus!“ Mein zweiter Gedanke: „Ruhig Brauner! Erst einmal schlafen, und dann sieht die Welt vielleicht schon anders aus.“
„It´s not right, it´s not wrong, it´s just different!” sage ich mir dann auch ganz diplomatisch am nächsten Morgen, als ich mich trotz eines gewissen Notstandes spontan entscheide, doch zunächst einmal die Toiletten im Stadtzentrum zu erkunden. Dieser weise – wenngleich nicht immer wahre – Spruch hatte mir schon während meines High-School-Aufenthalts in den USA das eine oder andere Mal weitergeholfen. Warum sollte das nicht wieder klappen? Ist doch schließlich alles nur Einstellungssache! Und ich bin ja freiwillig hier. Also: positiv denken! Vier extrem lange, weil sehr einsame Tage später helfen mir auch diese schlauen Sprüche nicht mehr weiter. Ich hänge bereits in einem Loch, einem sehr tiefen Loch. Das Semester beginnt erst in drei Wochen, und meine quasi nicht vorhandenen Französischkenntnisse machen die Kontaktaufnahme zu meinen durchschnittlich fünf Jahre jüngeren, vor allem aber sehr reservierten Zellengenossen nicht gerade leichter. Natürlich hatte ich mit Anpassungsschwierigkeiten und Kulturschock gerechnet, aber nicht in dem Maße bzw. zu einem so frühen Zeitpunkt. Ich war mir sicher, durch mein keineswegs reibungslos verlaufendes Schüleraustauschprogramm und meine langen Rucksackreisen durch viele Länder dieser Welt bestens für mein Abenteuer in Frankreich gerüstet zu sein. Aber nun habe ich bereits nach wenigen Tagen das beklemmende Gefühl, in Isolationshaft zu sein – und alles falsch gemacht zu haben. Dabei hatte man mich gewarnt.
Dass ich während meines Studiums einen längeren Auslandsaufenthalt machen würde, war mir bereits vor meiner Immatrikulation klar. Wann, wohin und mit welchem Programm, stand in den ersten Semestern jedoch noch völlig in den Sternen. Spätestens seit meinem High-School-Aufenthalt südlich von Seattle war ich infiziert mit dem Fernwehvirus. Und meine Rucksacktouren durch Südamerika, Südostasien, Australien, Neuseeland und weite Teile Europas taten ihr übriges. Als es dann mit großen Schritten auf die Zwischenprüfung zuging, mussten Entscheidungen getroffen werden: Da bei mehrmonatigen Auslandsaufenthalten für mich das Kennenlernen und Erleben einer mir fremden Kultur absolute Priorität genießt, fielen alle Länder, in denen ich schon ausgiebig Erfahrungen sammeln durfte, von vornherein unter den Tisch. Darüber hinaus sollte es auch sprachlich zu neuen Ufern gehen, womit das komplette englischsprachige Ausland aus dem Rennen war. Weil meine Spanischkenntnisse zu diesem Zeitpunkt zwar stark verbesserungswürdig, jedoch für eine Alltagskommunikation völlig ausreichend waren, drängte sich Frankreich nun förmlich auf. Schließlich hatte ich während meiner Schulzeit nur zwei kurze Jahre Französischunterricht genossen, und an eine Konversation in dieser für mich so schwierigen Sprache war bisher nicht zu denken. „Jetzt oder nie“ hieß folglich meine Devise, und außerdem passte Frankreich auch bezüglich meines Studienschwerpunktes „Neueste Geschichte“ sehr gut ins Konzept. Es konnte schließlich nicht schaden, auch mal den 1. und 2. Weltkrieg sowie die Nachkriegszeit aus der Perspektive eines unserer direkten Nachbarn vermittelt zu bekommen.
Nun musste eine Möglichkeit gefunden werden, diesen Auslandsaufenthalt möglichst kostenneutral zu gestalten. Die erste Adresse dafür: der DAAD. Schnell war ein passendes Programm gefunden, und alles schien gut zu laufen, bis mir im Sprachtest „Französisch“ zwar ein einigermaßen passabler Grundwortschatz „Spanisch“ bescheinigt wurde, mir aber vor dem Hintergrund des „Schwarzen Lochs“ bezüglich der französischen Sprache meine Kommunikations- und Studierfähigkeit für Frankreich abgesprochen wurde. Schade war das schon, aber völlig unerwartet traf mich dieses – durchaus nachvollziehbare – Urteil natürlich nicht. Jetzt griff Plan B: Da an unserer Fakultät die Frankophilie anscheinend nicht sehr ausgeprägt war, gab es in der Regel stets mehr Erasmus-Plätze als Bewerber. Und da mich die Sorbonne zwar reizte, die Lebenshaltungskosten in Paris aber meinen finanziellen Rahmen gesprengt hätten, durfte ich mich über einen Platz in Tours freuen.
Und da saß ich nun, in meiner Zelle, und hatte endlos Zeit darüber zu philosophieren, ob ich das Ergebnis des Sprachtests nicht hätte anders bewerten sollen und ob ich nicht doch in Spanien, England oder im dänischen Roskilde, wo meine Freundin zur gleichen Zeit ihr Erasmus-Jahr verbrachte, besser aufgehoben gewesen wäre. Mein Selbstwertgefühl tendierte innerhalb weniger Tage gegen Null, und erste depressive Züge wären für einen Spezialisten bestimmt auszumachen gewesen. Doch dann kippte mein Befinden innerhalb von wenigen Wochen glücklicherweise wieder in die richtige Richtung: um die Zeit bis Semesterbeginn zu überbrücken, belegte ich einen Sprachkurs. Und abgesehen davon, dass ich dadurch endlich unter Leute kam, schaffte es Yannick erstaunlich schnell, mich zum Reden zu bringen. Parallel dazu kamen immer mehr Erasmus-Studenten aus ganz Europa im Wohnheim an, und man hatte sofort das Gefühl, nicht mehr allein im Boot zu sitzen.
Relativ schnell zeigte sich auch, dass der grenzwertige Wohnkomfort in unseren Zimmern auch einen entscheidenden Vorteil hatte: alle Welt hielt sich im Treppenhaus auf oder versammelte sich um die zwei Kochplatten. So lernte ich dort respektive in den Ende Oktober startenden Sprach- und Kulturkursen für Erasmus-Studierende in den nächsten Wochen José Luis, Mayte, Sergio und all die anderen kennen. Da sich ihre Französischkenntnisse zu Beginn des Aufenthalts nicht grundsätzlich von meinen unterschieden, kamen mir nun meine Spanischkenntnisse nicht ungelegen und wir schufen unsere „langue Erasmus“, die vor allem die Franzosen zum Teil vor größere Probleme stellte.
Und sonst? Nein, ich habe durch das Erasmus-Programm nicht nur Freunde fürs Leben gefunden, deren „harten Kern“ ich durchschnittlich alle zwei Jahre sehe, in der Regel immer dort, wo José Luis gerade wieder ein Forschungsstipendien aufgetan hat. Ich habe eine für mich sehr schwierige Sprache sprechen gelernt und im Wohnheim, an der Universität sowie in den Bars und Restaurants ein Stück französische Kultur erlebt. Zum Teil bin ich in meinen oft gar nicht so negativen Vorurteilen bestätigt worden, aber nicht selten wurden mir völlig neue Perspektiven eröffnet. Gerne hätte ich mehr französische Kommilitonen kennen gelernt, aber die waren in der Regel während der Woche mit dem Studium beschäftigt, und am Wochenende bei ihren Eltern. Selbst akademisch war das Erasmus-Programm ein voller Erfolg: Nein, ich habe keinen einzigen Schein mit nach Hause gebracht, aber das war auch nicht mein Ziel. Stattdessen habe ich erlebt, wie an der Université François Rabelais Geschichte und Soziologie gelehrt und gelernt wird. Und immer dann, wenn mir zu viel Wahrheit von der Kanzel verkündet wurde und die kontroverse Diskussion aus meiner Sicht viel zu kurz kam, diskutierten José Luis und ich uns die Köpfe heiß. Darüber hinaus hatte ich viel Zeit mich jenseits von Pflichten und Konventionen mit Dingen zu beschäftigen, die mir vorher eher fremd waren: Schlösser, Jazz, Wein, Käse, Mittelalter. Hätte ich ohne meinen Erasmus-Aufenthalt sonst je erfahren, dass der Mann hoch zu Ross, dem die Kinder in jedem November mit einer Laterne hinterher laufen, tatsächlich gelebt hat und Bischof in Tours war? Nicht zuletzt habe ich meine bewusst nicht zu knapp bemessene freie Zeit in Frankreich dazu genutzt, mir ein paar Gedanken zu machen. Dabei kam mir die Idee, das Handbuch Fernweh zu verfassen, der Grundstein für meinen jetzigen Beruf.
Das Erasmus-Programm hat somit nicht unerheblich dazu beigetragen, dass ich ein Leben führen darf, so wie ich es mir vorstelle. Mehr kann man nun wirklich nicht erwarten.
Adrian meint, die Erasmus-Studenten hätten sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Es würde weniger gefeiert, mehr gelernt. Wenn er Recht hat, wird diese neue Generation sicherlich viele Scheine mit nach Hause bringen. Aber bleibt dafür nicht auch einiges auf der Strecke?
