Life is too short to complain! Enjoy it!
Ein Reisebericht aus Australien
Als sich der ICE von Bonn zum Frankfurter Fernbahnhof langsam in Bewegung setzte, war mit plötzlich klar, dass die große Tour endlich beginnen würde. Seit zwei Jahren hatten mein guter Freund Christian und ich diesen Zeitpunkt herbeigesehnt. 24 Monate lang wurde immer wieder von Australien gesprochen, geträumt und einfach mal so drauf los geschwärmt. Denn obwohl wir noch nie einen Fuß auf den Kontinent gesetzt hatten, war uns doch so viel Positives berichtet worden. Jetzt waren also unsere Lieben durchaus schweren Herzens verabschiedet worden und für uns ging es endlich los.
Tatkräftige Unterstützung vor der finalen Abreise nach ”Down Under” haben wir durch unsere Austauschorganisation erhalten, über die wir unseren Work & Travel-Trip gebucht hatten. Neben den Flügen hat sie sich auch in vielen anderen Bereichen als sehr hilfreich herausgestellt, so z.B. bei der Beantragung des Visums. Das Einrichten eines Bankkontos in Australien, sowie die Beschaffung der so genannten Tax File Number (wichtige Vorraussetzung, um einen Job vermittelt zu bekommen) waren dann am ersten Tag durch die Partnerorganisation in Sydney erledigt. Die informative Vorbereitung in Deutschland wurde durch ein zusammenfassendes Work & Travel-Handbuch abgerundet. Man konnte sich also nahezu sorgenfrei in den Flieger begeben.
Die ersten Tage im multikulturellen und wunderbaren Sydney standen noch ganz im Zeichen des Kollegen Jetlag. Chris und ich hatten große Schwierigkeiten, uns zu Beginn auf die vierstündige Orientation im Work & Travel-Office zu konzentrieren. Die Strafe für unsere Schläfrigkeit war dann unter anderem auch die Unwissenheit im Umgang mit der australischen Bankkarte. Die arme Dame vom Westpac-Schalter, die uns aus unserer Misere befreien musste… Dämlicher Jetlag!
Wohnungs- und Jobsuche standen am Anfang ganz oben auf unserer Liste. Erstere war schnell erledigt, da es sich für uns anbot, bei unserem Kumpel Andreas einzuziehen, der schon länger in Sydney lebte und in einer 5er WG nahe dem Darling Harbour wohnte. Perfekt! Zusammen mit zwei Mädels aus England und Irland haben wir die Bude in Beschlag genommen. 150 australische Dollar (90 EUR) Miete pro Woche waren auch noch wirklich billig für die Verhältnisse in Sydney. Selbst viele Hostels in und um Sydney herum verlangen mehr. Man sollte sich in den ersten Tagen viel mit anderen Backpackern austauschen, die Sydney Trading Post (Zeitung) durchblättern und auch immer wieder ins Internet gehen. WGs sind eine gute und manchmal günstige Alternative zum Hostelleben. Keine Frage allerdings, dass ein nettes Hostel am Bondi oder Coogee Beach nicht zu verachten ist.
Bei der Jobsuche im Ausland bekommt man Hilfe durch die Work & Travel-Agentur. Man wird ausgiebig “interviewt”, und anhand des Gespräches wird ein persönliches Profil erstellt, auf welches das Work & Travel-Team bei Jobangeboten zurückgreift. Je nachdem, was man gelernt hat oder besonders gut kann, wird versucht, möglichst dort einen Job für Backpacker zu finden. Realistisch ist allerdings jedoch eher, dass ein großer Anteil der Backpacker einfache Arbeiten in Lagerhäusern oder Fabriken bekommt und sich so ein Sümmchen dazu verdient. Traumjobs sind nun wirklich selten der Fall! Chris hat für Harley Davidson und Ducati Motorräder und Autos ausgefahren, und ich habe für die Work & Travel-Company in den Straßen von Sydney nach Jobs für Backpacker in Bars, Kneipen und Restaurants gesucht. Das war eine ganz gute Möglichkeit, sich die Füße platt zu latschen und die Stadt kennen zu lernen. Ob man nun gleich am ersten Tag oder erst nach 2 Wochen einen Job bekommt, kann keiner garantieren. Ich empfehle daher jedem, für das doch recht teure Pflaster Sydney genügend Kohle einzuplanen. Manche Jobs sind nur für einen Tag und andere hingegen für 2 bis 3 Monate, denn manche Arbeitgeber bestehen auf diesen Zeitraum als Minimum! Die Freundlichkeit und Offenheit der Australier und der meisten Backpacker war von Beginn an ansteckend, so dass man nur selten Zeit hatte, Heimweh zu bekommen oder sich und die ganze Tour in Frage zu stellen. Dennoch sind das Dinge, die meiner Meinung nach auch dazu gehören. Nachdem wir Sydney und Umgebung bis Ende Januar ganz gut kennen gelernt hatten und sich auch unsere Jobs dem Ende zuneigten, überlegten wir, wie und vor allem womit es weitergehen sollte. Prinzipiell hat man drei Möglichkeiten:
a) Überland-Busse (gängigster Weg: z.B. Greyhound Australia verbindet das ganze Land)
b) Kauf eines Gebrauchtwagen (riesiges Angebot in Sydney und Cairns)
c) Inlandsflüge (Virgin Blue und Jet Star bieten ganz günstige Flüge an)
Chris und ich haben uns zum Autokauf entschieden und uns für 1.800 EUR einen Toyota Camry “Oldtimer” Baujahr 1988 gekauft. Dieser hat uns dann auch 12.000 Kilometer kreuz und quer durch das Land geführt und sich bis auf ein paar kleinere Reparaturen auch vollends gelohnt. Ein eigenes Auto ist einfach der unabhängigste Weg zum Reisen. Der zu erledigende Papierkram ist schnell verstanden und sollte nicht abschrecken. Wir haben auch so manche Buckelpiste ausgewählt, um abseits der “Touri-Routen” zu fahren. Für uns war es die richtige Entscheidung! In Cairns haben wir den Toyota dann wieder für 1.100 EUR (2 1/2 Monate später) verkauft und waren damit am Ende zufrieden. Unzählige Backpacker versuchen dort ihre Wagen zu Schleuderpreisen zu verhökern. Bis dahin hat uns das Auto an die Great Ocean Road, die komplette Ostküste und viele Stationen im Inland geführt. Überall dort lernt man gerade zur Hochsaison im australischen Sommer viele junge Leute kennen und hat mit den meisten einfach nur viel Spass, viele gute Gespräche und gemeinsame nächste Reiseziele. Das Traveln in Australien ist wirklich easy, wenn auch nicht ganz so billig, wie wir anfangs gedacht hatten. Man sollte schon ca. 3.500 EUR für ein halbes Jahr ansparen und hier und da auch nach einem Job suchen. Es ist kein Billig-Reiseland! Dann wird man wohl eine fantastische Zeit in einem fantastischem Land verbringen können, das uns bisher mit seiner Über- und Unterwasserwelt vollends begeistert hat. Mein persönlicher Geheimtipp für Naturbegeisterte und Wanderer ist Tasmanien. Die Insel “Under Down Under” hat wirklich einiges zu bieten. Das Great Barrier Reef an der Ostküste sowieso: Nemo und Co. haben ein zauberhaft schönes Wohnzimmer. Tauchgänge sind verhältnismäßig günstig und absolut empfehlenswert. Aber es gibt noch viele, viele andere lohnenswerte Ziele in diesem doch recht großen Land. Von kleinen Tiefs, die einen während so einer Reise immer mal wieder in Beschlag nehmen, sollte man sich nicht beirren lassen. Von einem solchen Aufenthalt kann man nur profitieren. Natürlich persönlich, aber sogar auch in beruflicher Hinsicht, da man die englische Sprache im Laufe der Zeit immer besser versteht und spricht. Dass man selbst unabhängiger und offener wird für fremde Kulturen ist wohl 100%tig sicher.
Life is too short to complain! Enjoy it!
G’day Mates, Jens
Hirschfeld, Jens: “Life is too short to complain! Enjoy it! – Ein Reisebericht aus Australien“, in: itchy feet – Das Magazin für Bildung und Karriere im Ausland, Nr. 2 / 2006, S. 26-27.
