Montag, 5. Dezember 2016
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Mein Hut, der hat drei Ecken

Schulpraktikum in Auckland

 

von Veronika Dumbacher, erschienen in: (Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 3 / 2013, S. 52-53

 

Schulpraktikum Neuseeland

 

Schafe und Bungeejumping. Viel mehr kam mir zu Neuseeland nicht in den Sinn, als ich mich für einen Praktikumsplatz am anderen Ende der Welt bewarb. Die Chancen auf eine Zusage erschienen mir gleich Null, und ich wagte es nicht, mir zum Zeitpunkt des Absendens meiner Bewerbungsunterlagen große Hoffnungen zu machen. Nach langem Warten kam die Einladung zu einem persönlichen Auswahlgespräch und weitere zwei Monate später lag der alles entscheidende Brief vor mir. Mit zitternden Händen zog ich ein blütenweißes DIN-A4 Blatt aus dem Umschlag: Mir wurde ein Praktikumsplatz an der Laingholm Primary School angeboten! Die Grundschule liegt in Auckland, der "City of Sails", und der mit 1,3 Millionen Einwohnern größten Stadt des Landes. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Strahlend berichtete ich meiner Familie und meinen Freunden von der freudigen Nachricht. In den nächsten vier Monaten galt es, alles zu organisieren. Ich nahm Kontakt zu meiner Praktikumsschule auf, die in ihrem Newsletter inserierte, dass eine angehende Lehrerin aus Deutschland eine Gastfamilie suche. Nach kurzer Zeit landete eine E-Mail von einer gewissen Celia in meinem Postfach, die mich herzlich einlud, meinen vierwöchigen Aufenthalt bei ihr, ihrem Mann Earl und den drei Kindern zu verbringen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, wie sehr mir diese Familie ans Herz wachsen sollte.

 

Die 26 Stunden Flugzeit kamen mir wie eine halbe Ewigkeit vor, da halfen auch das leckere Essen und das Dauerlächeln der asiatischen Stewardessen nicht viel. Endlich setzte das Flugzeug zur Landung an und die Köpfe der Passagiere drängten sich an die winzigen Fenster, um aus der Vogelperspektive einen Blick auf das geheimnisvolle Land erhaschen zu können. Die Zollkontrolle dauerte ewig. Nachdem meine Wanderschuhe eingehend inspiziert worden waren, ob sie auch keine Erde an den Sohlen hatten – es könnten ja Bakterien daran sein –, stand ich schließlich in Jogginghose und völlig übermüdet im Ankunftsbereich. Als ich mich gerade nach meiner Gastfamilie umschauen wollte, kam auch schon eine Frau lächelnd und mit großen Schritten auf mich zu und begrüßte mich herzlich. Celia führte mich zu ihrem Auto und nach der halbstündigen Fahrt zu ihrem Haus wusste ich bereits, dass ihr Mann für einen großen Umweltkonzern arbeitet, ihr ältester Sprössling Dominic gerne schwimmt und Tennis spielt, ihre Tochter Annabelle jede Woche zum Ballett geht und ihr jüngster Sohn Christian gerade mal sieben Monate alt ist. Kurze Zeit später saß ich schon am familieneigenen Pool, sah den zwei ältesten Kindern beim Ins-Wasser-Springen zu und trank ein Glas frisch gepressten Orangensaft. Schon am nächsten Morgen sollte ich in der Schule erscheinen und so nutzte ich den verbleibenden freien Tag, um mich vom anstrengenden Flug zu erholen.

 

"Bier, Bretzel und Knackwürstchen waren den Kindern durchaus ein Begriff."

 

Mein Schulpraktikum begann. Sehr schmunzeln musste ich, als mir der achtjährige Oliver an einem der ersten Tage ganz ernst mitteilte, dass er gehört habe, dass die Menschen in Deutschland Deutsch und Türkisch sprechen. Die Kinder wussten erstaunlich viel, als ich sie während meines Deutschunterrichts fragte, was sie denn schon alles über mein Heimatland gehört hätten. Bier, Bretzel und Knackwürstchen waren den Kindern durchaus ein Begriff und ein kleines Mädchen kannte sogar die Hauptstadt Berlin, da ihre Mutter aus Deutschland stammte. Besonders beeindruckt waren die Grundschüler von der Tatsache, dass es in Deutschland – im Gegensatz zu Neuseeland – keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen gibt. Das veranlasste den ein oder anderen sogleich dazu, für später einmal eine Reise nach Deutschland einzuplanen. Doch bis es so weit ist, stehen den Kindern noch ein paar ereignisreiche Schuljahre bevor. In Neuseeland dauert die Grundschulzeit, je nach Schulform, sechs oder acht Jahre. Die meisten Kinder werden kurz nach ihrem fünften Geburtstag eingeschult. Die Einschulung wird oftmals von Tränen begleitet, denn ohne Mama in eine neue Klasse hineinzukommen erfordert eben richtig viel Mut. Während meiner ersten Praktikumswoche hospitierte ich in so einer Anfangsklasse und musste die "Heimwehkinder" mit vielen Teddybären und langen Geschichten von "Greedy Cat", einer verfressenen Katze, die nur Schokolade isst, trösten.

 

Zum Glück begann die Schule immer erst um 9 Uhr, sodass ich meistens fit und munter war, wenn es losging. Zunächst wurde Frühsport gemacht, der daraus bestand, vier Runden über die schuleigene Rennbahn zu sprinten. Nachdem ich mich zwei Wochen erfolgreich um diese Prozedur gedrückt hatte, schafften es die Viertklässler dann doch, mich zu einem Rennen herauszufordern. Der Sprint verlangte mir wirklich Reserven ab. Nach dem Sport ging es zurück ins Klassenzimmer, wo ich zusammen mit den Kindern das sogenannte "Newsbook" bestücken durfte, ein Buch, in das aktuelle Zeitungsartikel geklebt werden. Dabei sprachen wir unter anderem über einen Mann aus der Gegend, der vorhatte, beim Ironman mitzulaufen, und einen Strandarbeiter, der sich am Strand das Bein gebrochen hatte und hoffen musste, von Passanten gerettet zu werden, bevor die Flut ihn erreichen würde. Anschließend stand Englischunterricht auf dem Stundenplan. Die Kinder schrieben eigene Geschichten oder mussten in Gruppen Grammatikübungen lösen, wobei ich ihnen helfend zur Seite stand.

 

Nach dem "morning tea", einer kleinen Vormittagspause, wurden die Kinder in verschiedene Lerngruppen eingeteilt, um ihre Mathematikfähigkeiten zu verbessern und ihr logisches Denken zu fördern. Mit einigen Kindern spielte ich dazu wieder und wieder "Vier gewinnt" oder andere Strategiespiele. Der Klassenlehrer wurde glücklicherweise nie müde, mir neue Aufgaben zu geben. Nach dem einstündigen "lunch" wurden Lieder gesungen, es wurde gebastelt oder über naturwissenschaftliche Themen geredet. Einmal ging es zum Beispiel darum, welche Materialien schwimmen und welche untergehen. Um dies nicht nur theoretisch zu besprechen, gingen wir mit den Kindern zum Pool der Schule und warfen die zu untersuchenden Materialien ins Wasser. So ganz erlaubt war das sicherlich nicht, aber den Kindern hat es gefallen und die Ergebnisse sind ihnen bestimmt viel besser im Gedächtnis geblieben als irgendein gewöhnlicher Hefteintrag. Um 15 Uhr war Schulschluss und zusammen mit Dominic, der die 3. Klasse besuchte, ging ich nach Hause, wo wir bereits von Annabelle und dem kleinen Christian erwartet wurden.

 

Während meines Praktikums durfte ich auch selbst einzelne Unterrichtseinheiten gestalten. Da die Schüler in der Pause immer einen Hut zum Schutz gegen die Sonne aufsetzen mussten, entschied ich mich, einer kleinen Gruppe von Freiwilligen das Lied "Mein Hut, der hat drei Ecken" beizubringen. Der einstudierte Song wurde der ganzen Klasse präsentiert, und zwar auf Deutsch und einschließlich der passenden Bewegungen, was auf viel Gelächter stieß. Zudem hatte ich die Aufgabe, mit der Schulgartengruppe neue Blumen und Gemüse in das Gartenbeet einzupflanzen. Obwohl ich keinen grünen Daumen habe, machte mir das erstaunlicherweise unglaublich viel Spaß. Gartenarbeit erledigt sich unter neuseeländischer Sonne eben leichter als im tristen und verregneten Deutschland. Überhaupt achtete die Schule auf einen wertschätzenden Umgang mit Umwelt und Natur. Das ging sogar so weit, dass es eine eigene Wurmfarm gab, mit deren Hilfe biologische Abfälle wie Apfelkitsche, Pflaumenkerne oder Brotreste umweltgerecht entsorgt wurden. Die Würmer vertilgten die Reste und produzierten im Gegenzug wertvollen Dünger, der wiederum im Schulgarten eingesetzt werden konnte. So etwas habe ich auf deutschen Schulhöfen bisher nicht gesehen.

 

Ob die neuseeländischen Kinder in der Schule letztendlich genauso viel lernen wie die Grundschüler in Deutschland, kann ich nicht wirklich beurteilen, aber eines hat mir das Praktikum ganz deutlich gezeigt: Sie haben jede Menge Spaß. Die wöchentlichen Zusammenkünfte der ganzen Schule, bei denen gesungen, getanzt und gute Leistungen geehrt werden, helfen zudem, den Zusammenhalt zwischen Schülern und Lehrern nachhaltig zu festigen. Für meine Zukunft als Lehrerin in Bayern habe ich mir vorgenommen, das nicht zu vergessen. Mein Praktikum war also ein voller Erfolg. Auch meine Gastfamilie, die ich gleich in mein Herz geschlossen hatte, sorgte mit Ausflügen, Grillabenden und gutem Essen dafür, dass ich mich wie zu Hause fühlte. Wie froh bin ich, durch sie die Möglichkeit gehabt zu haben, das typische Leben der Neuseeländer kennenzulernen, das ausländische Besucher meist nur durch die Brille des Touristen betrachten können.

 

Im Anschluss an meine Schultätigkeit unternahm ich, zusammen mit einer Gruppe Gleichaltriger, noch eine Rundreise durch Neuseeland. Wenn man schon einmal am anderen Ende der Welt ist, sollte man diese Möglichkeit auf jeden Fall nutzen, denn das Land hat natürlich viel mehr zu bieten als Schafe und Bungeejumping. Als ich nach den ereignisreichen Tagen wieder im Flugzeug nach Deutschland saß, dachte ich noch einmal an die Worte meines Reiseleiters zurück, der gesagt hatte: "Leave New Zealand with no regrets." Und genau das tat ich. Ich hatte den Schritt gewagt, mich einzulassen auf das Abenteuer Neuseeland, und die Zeit dort war wohl eine der schönsten in meinem bisherigen Leben. Ich kann jedem, der vor der Entscheidung steht, ein Praktikum im Ausland zu machen, nur dazu raten: Es ist eine tolle Erfahrung und wird einen das ganze weitere Leben lang prägen.

 

Veronika Dumbacher, 23, studiert Grundschullehramt an der Julius- Maximilians-Universität in Würzburg.

 

 

 

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