Montag, 25. Juli 2016
weltweiser: Beratung - Messen - Völkerständigung - Schüleraustausch und andere Auslandsaufenthalte

Ein Blockhaus mit Sauna

Zimmererpraktikum in Finnland

 

von Michael Prestele, Mobilitätsberater Handwerkskammer für Schwaben, erschienen in:

(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 1 / 2011, S. 52

 

 

Ein paar Wochen im Ausland leben, sich beruflich fortbilden, ein fremdes Land und seine Leute kennenlernen – was für Studenten mittlerweile fast zur Pflichtveranstaltung geworden ist, ist für viele Lehrlinge in Handwerksberufen oftmals noch ein unerreichbarer Traum. Dabei ist es so einfach: Seit 2005 erlaubt das Berufsbildungsgesetz deutschen Auszubildenden, bis zu einem Viertel der Lehrzeit im Ausland zu absolvieren. Für die Finanzierung gibt es zahlreiche Förderprogramme. Das durch die EU geförderte Projekt "Berufsbildung ohne Grenzen" unterstützt Betriebe bei der Organisation von Auslandsaufenthalten. Beraten lassen können sich interessierte Lehrlinge und Ausbilder von den Mobilitätsberatern der Handwerkskammern, zu denen man über folgende Website Kontakt aufnehmen kann: www.mobilitaetscoach.de. Dort findet man zudem nützliche
Links zu verschiedenen Förderprogrammen.

 

"Seit 2005 erlaubt das Berufsbildungsgesetz deutschen Auszubildenden, bis zu einem Viertel der Lehrzeit im Ausland zu absolvieren."

 

 

Der 18-jährige Florian Gamper hat den Sprung gewagt. Vermittelt durch die Mobilitätsberatung der Handwerkskammer für Schwaben und finanziert über ein Stipendium der Stiftung "Bildung & Handwerk", reiste der Zimmererlehrling aus Illertissen für drei Wochen nach Finnland. In Kokkola, einem Ort mit 60.000 Einwohnern an der finnischen Ostseeküste, baute er mit finnischen Auszubildenden ein Blockhaus. Schon auf der 500km langen Bahnfahrt von Helsinki nach Kokkola wurde der Lehrling mit einer für ihn neuartigen, fremden Naturlandschaft konfrontiert. Finnland ist sehr dünn besiedelt, große Teile des Landes sind von Wäldern bedeckt. In Kokkola angekommen, holte ihn eine deutschsprachige Lehrerin am Bahnhof ab und brachte ihn zum Wohnheim der örtlichen Berufsschule, wo er auf drei deutsche Lehrlinge aus Paderborn traf. Drei Wochen lang
arbeiteten sie gemeinsam mit finnischen Berufsschülern an ihren Projekten. Betreut wurden sie dabei von Tutoren. Man verständigte sich auf Englisch. "Mein Englisch wurde in der Zeit rasant besser", erzählt Florian. "Ich bin jetzt viel sicherer beim Sprechen. Die anderen Lehrlinge haben mir sogar erzählt, dass ich nachts im Traum Englisch gesprochen habe."

 

Ein duales Ausbildungssystem gibt es in Finnland ebenso wenig wie den Lehrberuf des Zimmerers. Die Ausbildung zum Baukonstrukteur erfolgt dort über einen dreijährigen Berufsschulbesuch. Die Schule unterhält dafür eigene Baustellen, auf denen die praktische Ausbildung erfolgt. Die so entstehenden Häuser werden verkauft und finanzieren auf diese Weise wieder den Schulbetrieb. Während der Ausbildung bekommen die finnischen Lehrlinge kein Gehalt. Die Gruppe um Florian errichtete ein Blockhaus mit Sauna, Grillstelle und Aufenthaltsraum. Dabei wurde der Lehrling aus Deutschland in alle Arbeitsbereiche mit eingebunden. "Auf ein betoniertes
Fundament kamen fünf Reihen Ziegelsteine, darüber die Holzkonstruktion. Die Schalung aus Stein war für mich neu, ebenso die Arbeit mit einem Nivelliergerät. Auffallend waren für mich die schlechte Dämmung und die dünnen Wände der Häuser. Ich glaube, das liegt daran, dass in Finnland das Feuerholz so günstig ist. Auch bei den Holzverbindungen, beispielsweise beim Dachstuhl, wurde nicht so genau gearbeitet, wie ich es aus Deutschland gewohnt bin."

 

Gearbeitet wurde täglich von 8 Uhr bis 15 Uhr. Mittagessen gab es in der Mensa der Berufsschule. "Der Lerndruck ist viel geringer als in Deutschland. Wir hatten sehr viel Freizeit. Am Mittwochabend gingen alle Lehrlinge zusammen in die Diskothek, und auch an den anderen Tagen unternahmen wir meistens etwas gemeinsam", berichtet Florian begeistert. Abgerundet wurde der Aufenthalt durch mehrere Ausflüge. Die Gruppe besichtigte unter anderem eine große Holzbaufirma, die pro Jahr 250 Holzhäuser produziert. Beim Besuch einer Handwerksmesse konnten die finnischen Lehrlinge an einem Leistungswettbewerb der verschiedenen Berufsschulen teilnehmen. Ein Wochenende verbrachten die Auszubildenden in einem Ferienhaus am Meer.


Fragt man Florian danach, was für ihn die wichtigste Erfahrung auf dieser Reise war, so erzählt er mit leuchtenden Augen vom offenen und freundlichen Umgangston der Finnen, von der Gastfreundschaft, die er erfahren hat, und den guten Freunden, mit denen er immer noch ab und zu telefoniert. Auch das Zeugnis der finnischen Berufsschule ist für seine berufliche Zukunft vielleicht einmal von Bedeutung. "Ich kann nur jedem raten, so eine Chance zu nutzen. Man lernt und sieht so viel Neues, und wird einfach offener." Zu Hause im elterlichen Holzbaubetrieb berichtet sein Vater Andreas Gamper von den Vorteilen eines Auslandspraktikums: "Meine Mitarbeiter repräsentieren dem Kunden gegenüber mein Unternehmen, deshalb ist es mir wichtig, dass sie selbstbewusst und kompetent auftreten. Ein Lehrling, der sich ja meist noch im Reifeprozess befindet, gewinnt durch ein Auslandspraktikum nicht nur fachliches Zusatzwissen, sondern auch Selbstbewusstsein und persönliche Reife."

 

 

 

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