Montag, 5. Dezember 2016
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Als Freiwillige in Ghana

Ein Interview mit Marlene Bayer

 

von Marlene Bayer, erschienen in: (Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 3 / 2013, S. 43-44

 

Freiwilligendienst Ghana Freiwillige Ghana

 

Stubenhocker: Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Freiwilligendienst in Afrika zu absolvieren?


Marlene: Schon als Jugendliche träumte ich von Afrika. Der Kontinent inspirierte mich schon immer sehr und ich interessiere mich auch für die Kultur. Ich wollte Afrika unbedingt kennenlernen und es war mir am Anfang egal, in welches Land es gehen würde. Ich hatte die fünf Länder Ghana, Namibia, Südafrika, Tansania und Kenia zur Auswahl und durch meine Bewerbung kam ich intensiv in Kontakt mit Namibia und Ghana. Ich konnte mir gut vorstellen, in den beiden Ländern meinen Freiwilligendienst zu absolvieren. Es war keine leichte Entscheidung. Ich entschloss mich dazu, nach Ghana zu gehen, denn dort hatte ich die Möglichkeit, bei einer Gastfamilie zu wohnen. In Namibia wäre es leider nicht möglich gewesen, mich in einer Gastfamilie unterzubringen. Es war jedoch mein Wunsch, bei einer Gastfamilie unterzukommen, weil ich gern das Familienleben und die Kultur kennenlernen und das Alltagsleben einer Familie begleiten wollte.

 

Stubenhocker: War es schwierig, eine Entsendeorganisation zu finden, weil du gehörlos bist?


Marlene: Nein, es war nicht schwierig. In einem Gespräch mit einem Freund habe ich ihm erzählt, dass ich eine Organisation für einen Freiwilligendienst im Ausland suche und dass ich in Afrika tätig sein möchte. Er hat mir die Organisation Behinderung und Entwicklungsarbeit e.V., kurz bezev, empfohlen und mir die Internetseite www.bezev.de genannt. So bin ich auf meine spätere Entsendeorganisation aufmerksam geworden und habe Kontakt zu bezev aufgenommen. Ich war die erste taube Teilnehmerin der Organisation. Die Mitarbeiter haben durch mich viel Neues erfahren, zum Beispiel, was Gehörlosigkeit bedeutet und wie man damit umgeht. Auch haben sie festgestellt, dass man für die Seminarwochen Dolmetscher braucht. Die Organisation kann sich gut vorstellen, weiterhin mit tauben Freiwilligen zusammenzuarbeiten.

 

Stubenhocker: Wo hast du als Freiwillige gearbeitet?

 

Marlene: Ich arbeitete an einer Gehörlosenschule namens Salvation Army School for the Deaf in Agona Swedru, etwa eine Autostunde von der Hauptstadt Accra entfernt. Die Gehörlosenschule wurde 1995 gegründet und am Anfang besuchten nur zwei Schüler diese Schule. Durch Mundpropaganda kamen immer mehr dazu. Heute hat die Schule 125 Schüler, doch durchschnittlich kamen jeden Tag nur ungefähr 70 bis 80 Kinder zum Unterricht. Viele Eltern können sich die täglichen Schulbesuche und die Mensakosten nicht leisten. Es ist eine staatliche Schule, die von Geldern der Regierung abhängig ist, und es gibt auch kein Internat. So pendeln alle Schüler zwischen Schule und Zuhause. Als ich dort war, gab es 14 Lehrerinnen, darunter zwei gehörlose Assistentinnen, drei Referendare und neben mir noch zwei weitere hörende Freiwillige, die ebenfalls aus Deutschland kamen. In der Schule wird vom Kindergarten bis zur 10. Klasse unterrichtet, wobei die Lerngruppen, was das Alter der Schüler betrifft, sehr gemischt unterrichtet werden. Oft erfahren Eltern gehörloser Kinder erst sehr spät von der Gehörlosenschule, sodass viele Schüler eingeschult werden, wenn sie schon älter sind. Ich arbeitete mit der Klassenlehrerin der 1. Klasse zusammen und es machte mir viel Spaß, den Kindern Unterricht zu geben. Die Schüler waren sieben bis 15 Jahre alt, alle sehr süß, sehr lebhaft und manchmal tobten sie auch gerne und viel herum.

 

Stubenhocker: Wie war dein Tagesablauf? Wie sah dein Alltag aus?


Marlene: Montags bis freitags stand ich meist gegen 6:15 Uhr auf, aß Frühstück und machte mich dann auf den Weg zur Schule. Der Schultag begann um 8 Uhr mit einer Begrüßung aller Kinder und Lehrer vor der Schule. Einige Kinder kamen auch schon mal früher, um alles sauber zu machen oder um Wasser zum Trinken zu holen. Als Teil der morgendlichen Begrüßung wurde zusammen gebetet und es wurden Lieder gesungen. Auch wurde geschaut, ob bei allen Kindern die Zähne und Fingernägel richtig sauber waren und alle ihre Schuluniform trugen. Mit einem Marsch gingen wir dann in die Klassen. Wir hatten einen Stundenplan, den wir meist nicht genau einhalten konnten. Mal fing der Unterricht viel früher oder später an oder die Schüler brauchten für ein Thema viel mehr Zeit, als eingeplant war. Zudem war immer viel Wiederholung notwendig. Der Unterricht fing oft erst um 9 Uhr an und dauerte meist nur zwei bis drei Stunden. In Ghana lebt man nicht nach dem Motto "Zeit ist Geld" wie in Deutschland. Der Unterricht war deshalb sehr flexibel. Für mich endete der Arbeitstag immer um 14 Uhr. Ich ging nach Hause und aß zum Beispiel Banane, Mango oder Ananas. Dann machte ich ab und zu einen kurzen Mittagsschlaf oder ruhte mich wegen der Hitze aus. Danach waren manchmal Shoppen, Freunde treffen oder Internetcafe angesagt. Um 18 Uhr gab es warmes ghanaisches Essen. Um circa 21 Uhr lag ich schon im Bett und las Bücher, bis ich einschlief.

 

Stubenhocker: Unterscheidet sich die Gebärdensprache in Ghana sehr von der Deutschen Gebärdensprache, der DGS? Wie hat es mit der Verständigung geklappt?

 

Marlene: Ja, es ist wie bei den Hörenden, die verschiedene Sprachen wie zum Beispiel Deutsch, Englisch oder Französisch lernen. Die Gebärdensprache hat ebenfalls viele verschiedene Sprachen. Es gibt keine gemeinsame Gebärdensprache, die von allen Leuten auf der Erde benutzt wird. In Ghana gebärdet man Ghanaian Sign Language, die ghanaische Gebärdensprache. Die ghanaische Gebärdensprache ist der amerikanischen Gebärdensprache sehr ähnlich. In Ghana ist die Amtssprache Englisch und früher in der Kolonialzeit gab es in Ghana noch keine Gehörlosenschule. Gehörlose Amerikaner gründeten die ersten solcher Schulen in Ghana. In Ghana gibt es meines Wissens nach heute circa 13 staatliche und drei private Gehörlosenschulen. Mit der Kommunikation in der Schule hatte ich kein Problem, weil ich die ghanaische Gebärdensprache dank meiner Schüleraustauschzeit in Kanada ganz schnell gelernt habe. Aber bei der Gastfamilie war es schwieriger. Wir verständigten uns auf Papier und per Schrift. Die Großeltern konnten kein Englisch, daher mussten ihre Enkelkinder alles übersetzen. Eine Enkeltochter interessierte sich für die Gebärdensprache und konnte gut mit dem Fingeralphabet buchstabieren. Mit der Zeit konnte ich mich mit den Großeltern auch per Gesten verständigen.

 

Stubenhocker: Was war für dich die größte Herausforderung?


Marlene: Die Kommunikation innerhalb der Gastfamilie war die größte Herausforderung für mich, weil ich nicht 100%ig mitbekam, was sie redeten. Das war sehr ungewohnt, weil ich in meiner gehörlosen Familie aufgewachsen bin und es selbstverständlich für mich war, dass die Kommunikation flüssig ist. Es war also eine neue Erfahrung für mich.

 

Stubenhocker: Welche Erlebnisse haben dich besonders geprägt?

 

Marlene: Ganz ohne körperliche Gewalt geht es in Ghanas Schulen anscheinend leider noch nicht, weil es momentan noch selbstverständlich für die Leute dort ist, mit dem Stock zu schlagen und die Schüler so zu strafen. Obwohl die Gewaltübergriffe in Ghana per Gesetz verboten sind, halten sich viele aus Gewohnheit nicht an das Verbot. Wenn ich solchen Situationen zuschauen musste, taten mir die Kinder immer leid und ich konnte dafür kein Verständnis aufbringen.

 

Total beeindruckt war ich hingegen davon, wie stark die soziale Gemeinschaft ist und dass sich dort alle gegenseitig helfen. Ich lernte viele neue Menschen kennen, mit denen ich mich über die Lebensweisen und die Kulturunterschiede austauschen konnte. Es war auch wunderschön zuzusehen, wenn uns traditionelle ghanaische Tänze vorgeführt wurden.

 

 

Marlene Bayer, 27, lebt in Hamburg und studiert dort Bildung und Erziehung in der Kindheit. Gern möchte sie später in diesem Bereich auch beruflich tätig werden.

 

 

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