Montag, 5. Dezember 2016
weltweiser: Beratung - Messen - Völkerständigung - Schüleraustausch und andere Auslandsaufenthalte

Als Freiwillige in Nicaragua

Die Überwindung eines anfänglichen Schockzustands

 

von Julia Grass, erschienen in: (Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 2 / 2012, S. 44-45

 

Freiwilligenarbeit Nicaragua

 

Wie schon so oft lagen mein Freund Fil und ich auf dem Bett in seinem kleinen gemütlichen WG-Zimmer. Und wie schon so oft spekulierten wir bei einem Glas Wein über das Leben nach dem Studium, welches für mich bereits in ein paar Monaten beginnen sollte. Draußen regnete es in Strömen, als wir uns einig wurden, dass wir lieber später als früher in die hektische und leistungsbezogene Arbeitswelt der deutschen Gesellschaft hineingerissen werden wollten. Wieso eigentlich nicht noch einen Auslandsaufenthalt einschieben? Schnell begeisterten wir uns für die Idee, irgendwo in Lateinamerika einen Freiwilligendienst zu leisten. Fil musste für den Bachelor in Sozialpädagogik sowieso noch ein Praxissemester absolvieren und ein solch sinnvoller Auslandsaufenthalt macht sich im Lebenslauf nicht gerade schlecht. Wir wollten die Chance nutzen, in einem kleinen Rahmen etwas zur positiven sozialen Entwicklung auf der Welt beizutragen, uns persönlich und auch fachlich weiterzuentwickeln und ganz nebenbei unter perfekten Bedingungen eine Fremdsprache zu erlernen. Und den nächsten deutschen Winter gegen den tropischen Sommer eintauschen – über diesen Aspekt mussten wir gar nicht erst nachdenken. Nach ein paar Tagen intensiver Internetrecherche entschieden wir uns für eine Organisation, die seit Jahren Freiwillige nach Amerika entsendet und von Anfang an einen sehr guten Eindruck auf uns machte. Für uns war klar, dass wir als angehende Sozialarbeiter nur in einem Entwicklungsland arbeiten wollten. Somit fiel die Wahl schließlich auf das zweitärmste Land Mittelamerikas: Nicaragua. Wir bewarben uns und schon nach kurzer Zeit konnten wir uns über eine gemeinsame Vermittlung in ein soziales Projekt freuen.


"Aber alle waren sich einig: Für Fil und mich würde es genau das Richtige sein."


Ich schrieb meine Bachelorarbeit, besuchte zwei Spanischkurse an der Uni und schon war es fast so weit. Nach einer Reihe an notwendigen Reisevorbereitungen wie den vielen Impfungen und dem Auszug aus unserer jeweiligen WG veranstalteten wir eine feuchtfröhliche Abschiedsparty mit unseren Freunden. Einigen war der Gedanke eher fremd, in ein so armes Land zu gehen, dort unter einfachsten Bedingungen zu leben, unentgeltlich zu arbeiten und dann auch noch jeden Tag Reis mit Bohnen zu essen – vor allem dieses Gerücht hielt sich sehr hartnäckig. Aber alle waren sich einig: Für Fil und mich würde es genau das Richtige sein. Nach einem kurzen und für mich auch schmerzlichen Abschied von meiner Familie ging unsere Reise endlich los. Obwohl ich ja schon länger nicht mehr zu Hause wohne und auch schon öfter für mehrere Wochen im Ausland war, sollte das nun doch die bisher längste Trennung von meiner Familie sein. Ich tröstete mich mit der schon öfter gemachten Erfahrung, dass sich in Deutschland während unserer Abwesenheit wahrscheinlich gar nicht so viel verändern wird und die acht Monate in Nicaragua bestimmt verfliegen werden.

 

Haben die hier noch nie ein blondes Mädchen gesehen? Das war das Erste, was ich nach 30 Stunden Reise dachte, als ich in der Hauptstadt Managua aus der Flughafenhalle auf die lärmende Straße trat. Dieser Gedanke begleitet mich bis heute, auch wenn sich bereits beide Seiten langsam an den Anblick gewöhnt haben. In den ersten Tagen und Wochen unterlag ich einem mittelschweren Schockzustand. Natürlich hatten wir uns vor der Abreise über Land und Leute und somit auch über die Lebenssituation in Nicaragua informiert. Aber wenn man dann die Kinder mit zerrissenen Hosen, barfuß und mit triefenden Nasen im Müll am Straßenrand spielen sieht, muss man das erst einmal verarbeiten. Genauso das alltägliche Bild, dass bereits 4- bis 5-jährige Kinder in diesem Land als Arbeitskräfte betrachtet und dementsprechend eingesetzt werden. Einen großen Anteil an meinem anfänglichen Kulturschock trug das Dorf, in dem wir wohnen und arbeiten. Hier leben knapp 20.000 Einwohner, und von Mülleimern, Travellerschecks oder Tampons haben die hier anscheinend noch nie etwas gehört. Nach einigem Suchen wohnen Fil und ich mittlerweile in einem einigermaßen kakerlaken- und flohfreien Apartment. Für die hiesigen Lebensverhältnisse auf jeden Fall eine der besseren Unterkünfte und für einen Preis, den man für ein WG-Zimmer in Düsseldorf fünfmal zahlt. In unserer Dusche wohnt ein Frosch, fließendes Wasser gibt es nur zwischen 2 und 4 Uhr nachts und bei starkem Regen haben wir ein ganzes Biotop im Schlafzimmer. Die wegen Krankheitsübertragung nicht ganz ungefährlichen Moskitos scheinen sich hier besonders wohlzufühlen, und somit verbringen wir viel Zeit unter dem Moskitonetz.

Unser Projekt ist super. Von den Kindern und den Mitarbeitern wurden wir sehr herzlich aufgenommen und konnten sofort Kontakt zu anderen Freiwilligen, aber auch Einheimischen knüpfen. Viele Menschen sind hier sehr kontaktfreudig und so dauerte es gar nicht lange, bis ich auf der Straße gegrüßt wurde. In einem internationalen Team aus Psychologen und Sozialarbeitern arbeiten wir gemeinsam an einer großen Studie zur Kinderarmut und Gewaltsituation in den Familien hier vor Ort. Dafür gehen wir mit selbst entwickelten Fragebögen in die Familien und tragen viele Informationen und Daten zusammen. Letzte Woche war ich in einer Familie zu Gast, die ich nicht so schnell vergessen werde. In der aus Holzresten und Plastikplanen gebauten Hütte leben zehn Personen. Sechs davon sind Kinder, die zur Schule gehen bzw. gehen müssten. Die Familie besitzt zwei Betten, keine Wasserversorgung und die einzigen Paar Schuhe hängen an einem Nagel an der Wand, da sie zu wertvoll zum Tragen sind. In der Hütte spielten die Kinder mit einem Hund, auf dem – wenn man genauer hinsah – die Flöhe ein erquickendes Leben zu führen schienen. Mehrere Hühner mit Küken marschierten im „Schlafzimmer“ auf und ab, immer wieder vertrieben von den Schweinen, die ebenfalls in der ganzen Hütte anzutreffen waren. Für Familien wie diese sind Strom und Wasser wirklicher Luxus. Daran sollte man sich in Deutschland vielleicht öfter einmal kurz erinnern. Zusätzlich helfen wir den Kindern im Projekt bei ihrer schulischen Ausbildung oder bieten verschiedene andere Aktionen an. Die Tischtennisschläger und das Netz aus Deutschland sind sehr beliebt, da man auf dem Küchentisch und somit mit einfachsten Mitteln den Kindern etwas beibringen kann, was sie zuvor noch nie gesehen haben.


"Mich beeindrucken die positive Lebenseinstellung, der überall spürbare Optimismus und diese ehrliche und von Herzen kommende Freundlichkeit."


Aber trotz der Armut, der immer präsenten Krankheiten und der augenscheinlichen sozialen Ungerechtigkeiten in diesem Land: Die Menschen haben ihr Lachen und ihre gute Laune nicht verloren. Es gilt: „Cada dia una fiesta“ – „Jeden Tag ein Fest“. Und das passt wirklich! Die Nicas finden jeden Tag einen Anlass, um einen Umzug durch die Straßen ziehen zu lassen, um 3 Uhr nachts Feuerwerke zu zünden oder in aller Herrgottsfrühe mit Geburtstagsliedern den ganzen Ort zu wecken. Mich beeindrucken die positive Lebenseinstellung, der überall spürbare Optimismus und diese ehrliche und von Herzen kommende Freundlichkeit. Fil und ich wissen gar nicht, welches Hilfsangebot wir bei möglichen Problemen zuerst annehmen sollen. Und die Frage, wo wir Weihnachten verbringen – bei der Familie unserer Vermieterin, dem sozialistischen US-Amerikaner aus dem Projekt oder der netten Dame, die uns in den ersten Tagen eine Matratze zum Schlafen quasi aufzwang – ,diese Entscheidung vertagen wir noch eine Weile. Ich bin oft sehr gerührt über diese gastfreundliche und liebenswürdige Art der Einheimischen und würde mir zu Hause in Deutschland auch ab und zu einen Hauch mehr davon wünschen.

Natürlich gab es auch schon Rückschläge und ernsthaftes Heimweh. Bereits nach ein paar Wochen lag ich mit hohem Fieber im örtlichen Krankenhaus. Die hygienischen und medizinischen Bedingungen vom europäischen Standard um Jahrhunderte überholt – und hier sollten sie rausbekommen, ob ich tatsächlich Malaria habe? Da musste ich schon mehrmals schlucken. Aber dank unserer Vermieterin, die wie eine Mutter alles für mich organisierte und uns mit allem versorgte, was man sich wünschen konnte, ging es mir bald besser. Gott sei Dank war es dann keine Malaria, sondern eine schwere Infektion, die wahrscheinlich auf das Essen oder das Wasser zurückgeführt werden kann. Dabei hatte ich immer darauf geachtet, nur Wasser aus gekauften Flaschen zu trinken und kein Essen von den Straßenständen zu essen – und ja, hier gibt es wirklich jeden Tag Reis mit Bohnen, aber auch viel Gemüse und viele herrliche Früchte. Vielleicht war doch die durch verbrannten Plastikmüll und Abgase der steinalten Busse verpestete Luft oder einfach der Kontakt zu den verschnupften Kindern der Auslöser für meine Krankheit. Dass die Kinder nicht gesund sind, ist für das Ende der Regenzeit anscheinend nichts Außergewöhnliches. Wie sollte es auch anders sein, wenn sie in den Hütten auf dem nassen Boden schlafen?

In wenigen Monaten endet unsere Arbeit im Projekt. Bis dahin möchten wir die Studie auswerten, Land und Leuten noch näher kommen und unsere Spanischkenntnisse perfektionieren. Natürlich dürfen die lustigen Abende im einzigen Club des Ortes nicht fehlen. Aber nach dieser Zeit werden Fil und ich unsere Rucksäcke packen und noch ein wenig herumreisen. Denn trotz der vielen Wochenendausflüge ans Meer oder in größere Städte haben wir das Gefühl, noch mehr von der einzigartigen Natur und Kultur, die dieses Land zu bieten hat, entdecken zu müssen. Aber ich kann jetzt schon mit Sicherheit sagen, dass sich die Entscheidung für einen Freiwilligendienst und gegen „endlich Geld verdienen“ gelohnt und mich bereits jetzt sehr geprägt hat. Und nach unserer Rückkehr? Da will ich meinen Master anfangen, um mir während oder spätestens nach dem Studium einen weiteren so unvergesslichen Auslandsaufenthalt zu sichern!

 

Julia Grass, 24, kommt gebürtig aus Arnsberg im Sauerland und hat Soziale Arbeit an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach studiert.

 

 

 

 

 

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